9. August 1859

Nachdem ich, während Mama fort war, in Ruhe u. Stille d. treuen Heiland seine Güte gedankt, u. Ihm gebeten, mir zu Hause neue Kraft und neuen Muth zum Gutsein z. geben, spazierte ich noch mit Mama in herrlicher Kühle bis zum untern Wasserfall. Wir erinnerten uns dabei an die verflossenen herrlichen Tage, für die ich d. treuen Heiland nicht genug danken kann, und die Wendung der Straße brachte eine neue Erinnerung. Nachher gingen wir zum Frühstück, welches sehr gut war, u. wir beschlossen Papa eine Flasche Honig zu bringen, was ihn gewiß freuen würde. Nach dem Frühstück gingen wir ins Zimmer, ich schrieb zuerst, dann pakten wir ein, und um 11 Uhr nahm Mama noch ihr Bad. Wenn es nur heute kein Gewitter gibt; wir möchten so gern noch auf die Calandaschau gehen. Vor 14 Tagen waren wir nach d. Essen mit Herrn Favargers auf d. Terasse, wann werden wir sie wiedersehen? O Gott laß es ihnen gut gehen, u. erhalte Du ihre Gesundheit, die gewiß durch das ewige Reisen sehr leiden muß. Nach 6 Uhr besuchten wir noch Frau Trümpler u. Jungfer Schultheß, welche ziemlich artig waren. Doch ist letztere sehr mißtrauisch gegen alle Menschen. Nachher tranken wir im Saal eine Tasse Kaffe, und spazierten noch auf die Calandaschau, wo der Berg wieder prächtig war, u. wir um zusammen noch in Ruhe über vielerlei beredeten. Mama kam ganz gut hinab, u. wir spazierten dann noch zum letzten Mahl bis zum großen Rank, wo aber uns noch an die vielen herrlichen Stunden erinnerten. Zum Nachtessen hatten wir noch ein Omelette u. Frau Direktor erzählte uns vielerlei; auch hörten wir die Musik zum Letzten Mahl. Im Zimmer packten wir noch fertig ein, machten alle Geldgeschenke bereit, und so ist denn unser Pfäfferseraufenthalt geschlossen. (...) 


Die Calandaschau suchte ich auf allen alten und neuen Karten vergeblich, da ich unbedingt auch dorthin wollte. Erst auf den Wanderwegen rings um das Bad Pfäfers fand ich das Schild mit der Aufschrift “Calandaschau Grillplatz” und folgte dem Weg. Oben angekommen fand ich zwar einen Picknick-Platz vor, aber der Blick auf den Calanda, von dem der Ort seinen Namen hat, ist heute von Bäumen und dem Wald verstellt. Zu Deiner Zeit gab es in der Schweiz generell viel weniger Wald, viel zu viel wurde zum Heizen und zum Bauen abgeholzt. Wenigstens in dieser Hinsicht sind wir heute etwas ökologischer unterwegs.

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