16. Juli 1859

Schon am Morgen gegen 1/2 4 Uhr war ich aufgestanden, um nachdem ich den treuen Heiland um Seinen Segen f. unser Unternehmen gebeten, packte ich noch meine Sachen fertig, besuchte mit Caroline die Hühneli, u. fuhr nach dem wir Papa adieu gesagt, in Bahnhof. Dort hatten uns noch Hr. Stockars erwartet, und vergnügt fuhren wir um 1/2 6 Uhr ab. Uber Wallisellen, Greifnesee, Uster Bubikon u. Rüti kamen wir nach Rappersweil, doch hieß es dort plötzlich wir sollten unsere Pläze verlassen, da die Herzogin v. Parma nach Ragatz fahre u. nur der einzige Wagen dafür. Wir setzten und daher ins Interieur, wohin uns auch noch eine Mademoiselle (Perehe-unklar) u. Emilie u. 2 Herrn folgten, u. dann noch einer der Gonverneure der beiden Knaben war. So machten wir dann den ganzen Weg über Schmerikon, Wesen, Mülhehorn, u. Wallenstadt zusammen, die Kinder gingen im Wagen immer ab u. zu; und auch die Herzogin sowie deren Bruder Graf Chambord kamen mehrere Mahle. Einmahl saß sie sogar auf unsre Mäntel, u. ich ging gleich zu ihr, um sie weg zu nehmen. Sie sagte aber: „Non, merci, je ne resterai pas longtemps“ sie hatte immer wieder mit dem Gouverneuren z. verkehren, mit dem Jedermann Jtalienisch sprach. Die Gegend war recht schön besonders am Wallenstadtersee. Weiter oben, gegen Ragatz wird, das Thal weiterhin weniger schön. In Ragatz stiegen wir Alle aus, nachdem wir noch den Kindern von unsern großen (Gotslade-unklar)-Zeltchen gegeben, die sie sehr gern nahmen. Die Herzogin ist eine sehr schöne, aber gräßlich dicke Frau, den Graf Chambord habe ich mir auch schöner u. nicht so dick vorgestellt. Sie bestigen dann den Omnibus z. Hof Ragatz, wo hin sie zuerst fuhren. Wir hingegen nahmen eine Droschke, die uns gleich in die Schlucht hinein gegen Pfäffers führte. Der Weg ist viel länger als wir uns vorgestellt, und sehr wild, auch ganz schmal. Als wir endlich hinten ankamen, war gar Niemand da, uns zu empfangen, und wir mußten fast den Weg suchen durch das dunkle große Haus. Unser Zimmer ist groß u. weit mit 2 Betten und nicht übel, nur kann man nichts verschließen. Um 12 Uhr wir zur Tafel geläutet, u. wie erschraken wir, als der große Speisesaal fast voll war, u. mit welcher Gesellschaft! Niemand den wir nur hätten kennen mögen. Das Essen war sehr einfach, Suppe Fleisch u. alte Kartoffeln, Ragout, Brathuhn u. heiße Platte. Doch war der Saal so heiß, daß wir froh waren wieder hinauszukommen. Nebst der vorherrschenden Mittelklasse hat es auch noch viele Arme da, die stets die Gänge u. Lauben d. Hauses füllen. Nachmittags hatten wir auszupacken, ließen aber unsre Röcke im Koffer, da wir sie wohl nicht brauchen werden. Ach wären wir doch in Ragatz; hier ist es uns so unheimlich u. verleidet. Spazieren kann man nur auf dem einzigen Wege nach Ragatz, was wir Abends noch thaten, u. wo wir viele herrliche Bänke antrafen. Die Natur ist wild aber schön und herrlich kühl. Um 7 Uhr kamen wir heim, um 1/2 8 Uhr ist Nachtessen, wo wir schlechte (Arbeletten-unklar) hatten. Jedenfalls werden wir etwas hungern, da besonders das Brod gar nicht gut ist; was ich sonst fast am liebsten habe u. besonders in Karlsbad gut war. Nach dem Nachtessen gingen wir gleich ins Bett da wir sehr müde waren; ach wären wir zu Hause, mache Du o Gott Aller u. gib uns Treue u. Ausdauer, Dir zu dienen!  


Endlich ist es soweit, Ihr seid auf der Reise nach Pfäfers! Und die europäische Geschichte reist mit Euch: Auf dem Weg habt ihr eine Begegnung mit Louise Marie Thérèse d'Artois (Bild unten ca 1860), welche in Parma die Regierungsgeschäfte in der turbulenten Zeit des Sardischen Krieges führte. Sie und ihre Kinder reisten im Frühling und Sommer 59 in die Schweiz. Im September 59, also zwei Monate nach Eurer Begegnung, wurde die Dynastie der Bourbon, zu der sie gehörte, in Parma abgesetzt. Auch der Graf Chambord war in Eurem Zug-Abteil - und wohl ein Teil des Hofstaates der Herzogin mit Kindern und deren Gouverneuren.

Ab heute wirst Du jeden Tag bis zum Ende des Tagebuches und Eurer Rückreise am 10. August in Deinem Tagebuch über Deinen Aufenthalt in Pfäfers berichten. Bezüglich Eures Kuraufenthaltes bist du ambivalent: Das Zimmer gefällt Dir zwar wie auch die Bänke auf dem Spazierweg, aber es gibt doch das eine oder andere zu beanstanden: die vielen Leute; der Mangel an Gelegenheit, die festlichere Garderobe auszuführen; zu wenig Wanderwege; sowie das Essen, dass teils nicht nach Deinem Geschmack ist.

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